Die Stabilität des Stromsystems befindet sich im Wandel. Mit dem Rückgang konventioneller Kraftwerke verschwindet zunehmend rotierende Masse aus dem Netz. Diese physikalische Trägheit hat bisher wesentlich zur Frequenzstabilität beigetragen.
An ihre Stelle treten immer häufiger leistungselektronisch gekoppelte Anlagen, insbesondere Batteriespeicher. Stabilität entsteht damit zunehmend durch Regelungsalgorithmen in Wechselrichtern und weniger durch die mechanischen Eigenschaften von Generatoren.
Vor diesem Hintergrund rückt ein Konzept stärker in den Fokus: Grid Forming.
Von der Generatorträgheit zur netzbildenden Leistungselektronik
Ein aktuelles Positionspapier des Fraunhofer IEE beschreibt diese Entwicklung und schlägt eine neue Klassifizierungslogik für Anlagen vor. Eine der diskutierten Kategorien lautet „Grid Forming Ready A-N".
Die Bezeichnung steht für zwei Eigenschaften:
A – Aktivierungsbereit für Grid Forming
N – Netzbildender Betrieb im Verbundnetz
Wichtig ist dabei eine zentrale Differenzierung.
Grid Forming Readiness beschreibt keine verpflichtende Betriebsart.
Vielmehr handelt es sich um eine strukturelle Eigenschaft der Anlage. Systeme sollen technisch so ausgelegt sein, dass netzbildende Funktionen bei Bedarf aktiviert werden können, ohne dass sie im Normalbetrieb dauerhaft genutzt werden müssen.
Für Projektentwickler rückt damit neben der klassischen Energievermarktung zunehmend auch die systemtechnische Auslegung von Speicherprojekten in den Fokus.
Ein neuer Markt für Momentanreserve
Parallel dazu hat sich auch das Marktdesign weiterentwickelt. Seit Januar 2026 existiert in Deutschland ein marktgestützter Mechanismus zur Beschaffung von Momentanreserve.
Damit entsteht erstmals ein dedizierter Vergütungsmechanismus für synthetische Trägheit beziehungsweise Momentanreserve.
Zur Einordnung der Größenordnung:
Je nach Produktkategorie kann ein Batteriespeicher derzeit etwa folgende Erlöse erzielen:
Basisprodukt: rund 2.000 € pro MW und Jahr
Premiumprodukt: bis zu 20.000 € pro MW und Jahr
Die Produktklassen unterscheiden sich vor allem in der erforderlichen jährlichen Verfügbarkeit und damit in der Qualität der bereitgestellten Systemdienstleistung.
Während etablierte Märkte wie FCR auf Frequenzabweichungen reagieren, adressiert Momentanreserve die sehr schnelle Leistungsbereitstellung im Millisekundenbereich, die bislang primär durch rotierende Generatoren bereitgestellt wurde.

Grid Forming als technische Designentscheidung
Damit stellt sich für Entwickler und Investoren eine strategische Frage:
Reicht dieser Marktanreiz aus, um Speicher künftig standardmäßig grid-forming-fähig auszulegen?
Die technische Auslegung ist nicht trivial. Für eine Teilnahme am Momentanreserve-Markt werden netzbildende Eigenschaften sowie entsprechende technische Nachweise vorausgesetzt. Daraus können zusätzliche Anforderungen entstehen, etwa durch
- leistungsfähigere Wechselrichter
- erweitertes Engineering
- Tests und Validierung
- Zertifizierungsprozesse
Grid Forming wird damit zu einer bewussten Auslegungsentscheidung im Projektengineering.
Mehr als nur Markterlöse
Das Fraunhofer IEE weist darauf hin, dass Grid Forming Readiness perspektivisch nicht nur über Markterlöse relevant werden könnte.
Ein möglicher zusätzlicher Hebel liegt im Netzanschlussprozess. Anlagen mit netzstützenden Eigenschaften könnten künftig qualitativ differenziert oder bevorzugt behandelt werden.
Sollte sich diese Logik etablieren, könnte Grid Forming langfristig zu einer Art technischem Qualitätsmerkmal für systemdienliche Anlagen werden.
Fazit
Die Energiewende verändert nicht nur die Erzeugungsstruktur, sondern auch die Anforderungen an die Systemstabilität. Batteriespeicher übernehmen zunehmend Aufgaben, die früher konventionelle Kraftwerke erfüllt haben.
Mit der Einführung eines Marktes für Momentanreserve entsteht erstmals ein klar definierter Vergütungsmechanismus für synthetische Trägheit.
Ob dieser Anreiz ausreicht, um Grid Forming breit im Markt zu etablieren, bleibt offen. Klar ist jedoch bereits heute:
Die Fähigkeit zur Netzbildung entwickelt sich zunehmend zu einem relevanten Designkriterium für zukünftige Speicherprojekte.